Die Gewohnheitstorte im "Café des Lebens"

Wie Du bewusst deine Gewohnheiten lebst

„Mein Stammplatz ist besetzt, das gibt es doch nicht!“ Im Café des Lebens gibt es wieder Gewohnheitstorte: Wie per Autopilot orientiert sich unser Denken an Gewohnheiten. Wie aber kommen wir zu einer Haltung, aus der heraus wir uns nicht ärgern, wenn die Gewohnheitstorte ausverkauft ist, sondern jederzeit und überall unseren Stammplatz finden können? 

„Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es.“

War das Zitat von Erich Kästner nicht gerade noch unser Fazit? Und nun soll es von einem besetzten Stammplatz schon entkräftet werden? Statt Gutes zu tun, lassen wir zu, dass der besetzte Stammplatz uns in unserem Denken und Fühlen blockiert. Die Gewohnheit übernimmt und vernebelt unser Denken und unsere Gefühle.

Wir wollen uns die Macht der Gewohnheit

im Café des Lebens anschauen und überlegen, wann wir die Gewohnheitstorte bestellen. Da sie ja so gut schmeckt, ist es eine große Verlockung, von ihr zu naschen. Aus gutem Grund sprechen wir sehr gerne von lieb gewonnenen Gewohnheiten, denn sie haben ja durchaus etwas Gutes. Gewohnheiten sind lebenswichtig, sie helfen uns im Alltag, Dinge per Autopilot gut zu bewältigen, ohne viel Energie im Gehirn zu verbrauchen. Man könnte sagen, Gewohnheiten sind Abkürzungen im Gehirn. Sie werden dort gebildet und schnell abgespeichert. Haben wir einmal von einer Gewohnheitstorte genascht und sie hat uns geschmeckt, bleibt dieser Geschmack im Gehirn gespeichert. Das Verlangen, immer wieder davon zu essen, ist dann sehr groß. Oft so groß, das wir alles tun würden, um mehr davon zu bekommen. Und wehe, es gibt sie nicht, die Gewohnheitstorte!

Ich kann das gut nachvollziehen. Habe ich früher oft vor einem Termin noch in Ruhe einen Kaffee in einem Café getrunken, um anzukommen, so war es ohne diese Gewohnheit kein guter Termin. Ich fühlte mich nicht angekommen. Mein System war verunsichert, ich war irritiert. Ich hing in einer Form Gedankenschleife. Hatte mir die Gewohnheit sonst soviel Ruhe gebracht, kostete mich diese Situation dann viel Energie. 

Unglaublich, aber so fühlt es sich auch an, wenn der Stammplatz besetzt ist. Das bewegt etwas in uns. Wie per Autopilot kommen uns dann diese Gedanken. Unser selbständiges Denken wird wie für einen Moment vom Autopiloten übernommen. Jetzt hilft nur eins: wieder auf manuelles Denken umschalten. Doch das ist gar nicht so einfach, denn der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. Einen schönen Versuch zu diesem Thema hat der Sozialpsychologe Bas Verplanken durchgeführt. Zu Semesterbeginn hat er von den Studenten im Vorlesungssaal ein Bild gemacht, nach einigen Wochen hat er ihnen dieses Bild gezeigt. Alle saßen auf denselben Plätzen. 

Wie kommt es, dass unser Gedankenautopilot die Gewohnheitstorte fast automatisch bestellt?

Wie so oft ist es das Bewusstsein, welches uns hier weiterbringt. Der Autopilot ist wichtig, er hilft uns, zu überleben oder morgens aufzustehen, wenn der Wecker klingelt. Allerdings sollten wir uns auch bewusst machen, dass es neben der Autofunktion auch noch die manuelle Funktion gibt. Ich lasse mich nicht denken, sondern übernehme das Denken. Das kostet zwar mehr Energie, lohnt sich jedoch und bringt mehr Freiheit in mein Leben. Also nicht gleich Gewohnheitstorte essen, sondern erst einmal die Auslage anschauen. Vielleicht ist die Belohnung danach größer. 

Gewohnheiten schleichen sich ein. Es entsteht eine Art Gedankenschleife: Auslöser – Routine – Belohnung. Wenn ich also in mein Café komme und meinen Stammplatz ansteuere, stelle ich mir die Gedankenschleife dazu in folgender Weise vor: Ich komme in mein Café des Vertrauens, dort habe ich nach einigen Besuchen und Tests einen Platz gefunden, von dem aus ich alles sehen kann. Mein Blick fällt direkt auf die Kuchentheke neben den Zeitschriften, sehr bequem. Ich fühle mich angekommen und entspannt, ich werde belohnt mit einem guten Gefühl. Das will ich jetzt immer, bitte abspeichern, liebes Hirn! Und schon ist mein Autopilot aktiviert, die Gewohnheit mit Auslöser, Routine und Belohnung verankert. Wehe, ab sofort kommt mir jemand zuvor!

Der Autopilot ist bequem, ihn abzuschalten schwierig.

Je mehr Gewohnheitstorte wir zu uns nehmen, desto mehr wird unser Gehirn von Gewohnheiten bestimmt. Die Gewohnheitstorte füttert auch unsere inneren Quatschies, die dann mitbestimmen und die Stimmung beeinflussen. Zum Beispiel quatschen sie im inneren Monolog: „Da sitzt jemand auf deinem Platz!“, „Immer trifft es mich!“, „Das geht ja gar nicht!“, „Voll blöd hier!“ und „Was soll ich jetzt tun?“ Dieses Gequatsche lädt all unsere inneren Homies, Gäste, Kritiker und Kenner zur Diskussion ein. So ein Stück Gewohnheitstorte kann also auch ganz schön schwere Kost sein in unserem Café des Lebens. Es sagt viel aus über unsere Werte und unsere Haltung. Da hilft nur eins: umzuschalten auf die manuelle Steuerung. Bewusstsein soll uns unterstützen. 

Mark Twain lehrte uns, dass man Tatsachen kennen muss, bevor man sie verdrehen kann. Entsprechend wollen wir uns durch einen Atemzug erst einmal ins Hier und Heute bringen. Dann konzentrieren wir uns und denken die Gedankenschleife einfach neu.

„Die größte Tugend, um Glück zu erlangen, ist die eigene Konzentrationsfähigkeit“,

wusste Hermann Graf Keyserling, der 1920 die Schule der Weisheit in Darmstadt gründete. Wenn wir es geschafft haben, vom Autopiloten zur manuellen Steuerung überzugehen, dann dürfen wir uns auch dafür belohnen, so dass sich wiederum ein gutes Gefühl einstellt und wir lernen: Egal wo ich bin, ist es gut, und ich fühle mich bestens. 

Die Gewohnheitstorte im Café des Lebens ist immer im Angebot, ob wir davon naschen, können wir selbst entscheiden. Als Erfinder in deinem Leben findest du sicher viele andere Möglichkeiten, bewusst zu leben.

Tipp: Mach dir eine kleine Checkliste, zum Beispiel im Smartphone unter Notizen, zum Verdeutlichen von Autopilot und manueller Steuerung deiner Gewohnheiten. Schreibe eine Woche lang auf, um bewusst zu sehen, was passiert. Veröffentlichungen sind der erste Schritt zu einer sichtbaren Veränderung von Gewohnheiten. Weitere Ideen findest du auf meiner Seite hier.