Die Feingefühlformel im "Café des Lebens"

Da traue ich mich jetzt einfach mal hinein,

dieses Café des Lebens schaue ich mir mal näher an! Na, wie oft trauen wir uns das im Leben – Vertrauen zu schenken und auf unsere innere Stimme zu hören? Hören wir heute nicht eher auf Rezensionen und Bewertungen, die sich mittlerweile jeder traut, abzugeben? Zu fühlen, was wir selbst spüren, fällt uns dagegen immer schwerer. Wenn wir jedoch nicht mehr fühlen, was wir selbst spüren, kann auf Dauer unser Mitgefühl verkümmern, denn Mitgefühl bedeutet ja zunächst einmal, mit sich selbst zu fühlen. Mitgefühl für andere entsteht dann aus diesem Gefühl für sich selbst. Es geht also um Feingefühl. Warum tun wir uns damit so schwer? Warum ist unser Vertrauen in uns selbst oft so klein? Was passiert da im Laufe des Lebens mit uns? 

Im Laufe der Zeit beurteilen wir unser Leben, dabei stützen wir uns ganz oft auf das Urteil anderer. Bevor wir beurteilen oder gar verurteilen, ist es jedoch hilfreich, uns einer Sache zunächst einmal neutral zu nähern, außerhalb der Kategorien von Richtig oder Falsch, denn diese Einteilung ist eine wenig hilfreiche menschliche Erfindung. Genau genommen geht es eher um günstig für das Leben oder ungünstig für das Leben. Wenn wir diese Haltung in uns selbst finden, können wir sie auch anderen gegenüber einnehmen. 

Es ist wie so oft, Veränderung beginnt bei uns selbst.

Der Dalai Lama lehrt:

„Wer Mitgefühl hegt, erkennt, dass seine Taten Auswirkungen auf die ganze Welt haben.“

Wir haben in uns die Kraft, dieses Gefühl zu hegen, zu pflegen und für unser Café des Lebens zu nutzen. Zunächst nur für uns selbst, in der Folge dann als Wirkung, die wir nach außen tragen, in die Welt hinein. Und wir haben auch ein Vorbild: Mutter Erde. 

Ich habe eine Umweltaktivistin kennen gelernt und inspirierende Gespräche mit ihr geführt. Sie hat beschrieben, was wir unserer Mutter Erde antun. Das zu fühlen, was sie spürt, hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Auch hat sie mir erzählt, lange Zeit sei die Wut ihr Antrieb gewesen. Sie konnte jedoch in ihrem Café des Lebens feststellen, dass diese Wut ihr Leben ungünstig beeinflusste, fast bitter und böse werden ließ. Deshalb hat sie sich dafür entschieden, die Wut in ein Gefühl der Liebe umzuwandeln. Beide Gefühle sind legitim, doch die Energie dahinter ist unterschiedlich. Dieser Punkt war für sie entscheidend. Mittlerweile fühlt sich ihre Stimmung für ihr Leben günstiger an, und das überträgt sich auch auf ihr Tun. 

Mutter Erde spürt täglich Dinge, die nicht günstig sind für unsere Welt.

Sie ist für uns Menschen da und urteilt nicht. Sie nimmt an, ohne zu schauen, wer ungünstig oder günstig ist, sie vertraut. Sie trägt den Glauben an uns Menschen in sich, er ist ein Teil von ihr. Was für eine Aufgabe für Mutter Erde! Trotz all unserer Taten an uns Menschen zu glauben! Es ist ihr Glaube, der ihr die nötige Kraft gibt. Der Glaube an ihre eigene Mission, Mutter Erde zu sein. Sie vertraut sich selbst, und so kann sie vergeben, mitfühlen und ihre Kraft entfalten. 

Wie oft machen wir uns Gedanken über unser Mitgefühl: Kann ich mir selbst vergeben? Habe ich ein Gefühl dafür, was in meinem Leben günstig ist? Spüre ich es, wenn etwas ungünstig ist? Kann ich mit mir fühlen, meinen Weg finden, der günstigsten Energie folgen? Bin ich neutral genug, kein Urteil zu fällen? Beurteile ich mich selbst auf der Grundlage von Richtig und Falsch? Oder übernehme ich das, was mein Gegenüber mir vorgibt, ohne zu fühlen, ob seine Einschätzung für mich stimmig ist? Es ist schwer, sich selbst zu positionieren, ohne sich daran zu orientieren, was man sieht oder hört. Oft fühlen wir mit anderen Menschen mehr als mit uns selbst. 

Bei den Geschichten der Umweltaktivistin kommt natürlich viel Hass in mir hoch, Zweifel an den Menschen. Doch gleichzeitig fällt mir ein Zitat von Platon ein:

„Sei gütig, denn alle Menschen, denen du begegnest, kämpfen einen schweren Kampf.“

Es ist der Kampf mit unserem Glauben. Die Umweltaktivistin hat mir erzählt, dass sie nach einer Weile Verständnis für die Menschen entwickeln konnte, da ihr klar wurde, dass viele gefangen sind in ihrem Glauben. Sie folgen Traditionen, ohne zu spüren, ob diese günstig oder ungünstig für ihr Leben sind. Auch sie selbst hat sich von diesem Glauben oft mitreißen lassen. Bis sie für sich gespürt hat, dass das für ihr Leben ungünstig ist und viel Energie kostet. Sie hat erkannt, dass es für sie und ihr Leben günstiger ist, an den Menschen zu glauben und als Basis in die Liebe zu gehen. Damit hat sie ihr Leben wieder aufgefüllt und Energie gewonnen. Raus aus der Leere, rein in die Fülle. So hat sie ihr Projekt zu einem Herzensprojekt weiterentwickelt und sich gut gefühlt. Unser Glaube sitzt tief. Ihn zu erkennen und mit ihm zu arbeiten, lohnt sich. 

Wie sieht es denn mit deinem Mitgefühl aus, was glaubst du über dich selbst? Die Formel für deinen Glauben sollte günstig für dein eigenes Leben sein.

Tipp: Entwickle dein Mitgefühl für dich selbst, indem du am Abend kurz innehältst und überlegst, was an diesem Tag für dein Leben wirklich günstig war. Im zweiten Schritt ist es sinnvoll, dir anzuschauen, was du Günstiges getan hast – für dich selbst, für dein Gegenüber oder für die Welt. Schau dir an, was dich daran gehindert hat, günstige Situationen im Leben zu finden. Lerne daraus und verändere deinen Weg, den Glaubenssatz, der dich vielleicht abhält. Probier diese einfache Übung aus, sie ist im Austausch mit dir selbst gut machbar. Nach drei Monaten wirst du merken, dass sich dein Mitgefühl weiterentwickelt – für dich selbst, für dein Gegenüber, für die Welt.